
Currywurst, Schnittstellen und der ganz normale Wahnsinn
- Stefan Poss
- Code comedy
- 19. Februar 2025
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Es ist 11 Uhr. Prime Time. Mein Magen signalisiert mir bereits, dass die wichtigste Entscheidung des Tages noch aussteht: Currywurst oder Salat. Aber seien wir ehrlich – Salat ist keine Option. Mein inneres Mantra lautet: „Ohne Mampf kein Kampf.“ Und so visualisiere ich die ultimative Komposition: eine dampfende Currywurst, knusprige Pommes und genau die richtige Menge Mayo.
Doch bevor ich in diese kulinarische Offenbarung eintauchen kann, steht ein Meeting an. „Nächste Schritte besprechen.“
Die Agenda? Großartig vage. Das bedeutet erfahrungsgemäß: „Wir wissen nicht, was wir wollen, aber wir wollen es gestern.“ Ich klicke auf „Teilnehmen“ und denke: „In einer Stunde habe ich es geschafft. Das ist zu schaffen.“
11:05 Uhr – Der Soundtrack des Wahnsinns
Pünktlich starten? Natürlich nicht. Stattdessen höre ich die Klassiker des modernen Arbeitsalltags:
- „Sorry, ich war noch in einem anderen Call.“
- „Könnt ihr mich hören?“
- „Mein Teams stürzt ab, einen Moment.“
Ich nutze die Zeit, um mir gedanklich die erste Gabel Pommes auszumalen. Extra knusprig, perfekt gesalzen. Doch bevor ich mich ganz in diesen Tagtraum retten kann, höre ich meinen Namen.
„Können wir eine neue Schnittstelle bauen?“
Mein Puls beschleunigt sich. Reflexartig sage ich:
„Ja klar, was genau braucht ihr?“
Ich meine, wie schwer kann es sein? Doch bevor ich die Tragweite dieser Worte realisiere, kommt der nächste Schlag.
11:15 Uhr – Das Unheil nimmt Gestalt an
„Wir müssen ab nächstem Quartal Daten aus dem zentralen Speicher zurückspielen.“
Zurückspielen? Mein Gehirn braucht einen Moment, um diese Worte zu verarbeiten. Unsere Architektur ist für Export gebaut – darauf bin ich stolz. Daten raus? Kein Problem. Aber zurückspielen? Das ist, als würde jemand sagen: „Du kannst Fahrrad fahren, also kannst du bestimmt auch fliegen.“
Ich atme tief durch. Ruhig bleiben. Cool wirken.
„Das könnte etwas kompliziert werden“, sage ich und versuche, meine Stimme so kompetent wie möglich klingen zu lassen. Innerlich sehe ich aber schon die Titanic sinken, während ich verzweifelt versuche, Deckstühle zu ordnen.
11:25 Uhr – Missionieren statt Umsetzen
Der Product Owner schaut mich mit einem unschuldigen Lächeln an. „Aber das ist doch nur eine kleine Schnittstelle, oder?“
Kleine Schnittstelle? Das ist, als würde jemand sagen: „Das ist doch nur ein kleiner Mount Everest.“
Ich beginne mit meiner pädagogischen Mission:
„Das Problem ist nicht die Schnittstelle selbst, sondern was dahinter steckt: Prozesse, Validierungen, Datenformate und – mein persönlicher Favorit – die APIs eines Softwareherstellers aus der grauen Vorzeit.“
Er nickt langsam, aber ich sehe, dass er noch nicht überzeugt ist.
„Können wir es nicht einfach irgendwie hinbiegen?“ fragt er hoffnungsvoll.
„Einfach irgendwie?“ In meinem Kopf spiele ich alle kreativen Möglichkeiten durch, wie ich das Meeting sofort verlassen könnte. Leider fallen alle unter „unprofessionell“.
11:35 Uhr – Der Ausweg des Taktikers
Mir bleibt nur eine Option: den Ball zurück ins andere Spielfeld schießen.
„Wie wäre es, wenn wir euch die Daten technisch sauber bereitstellen und ihr mit dem Hersteller klärt, wie sie ins Zielsystem gelangen?“
Ein Moment der Stille. Der PO schaut mich an, dann nickt er.
„Das klingt nach einer Idee.“
Natürlich klingt das nach einer Idee – schließlich war es meine. Und viel wichtiger: Jetzt ist es sein Problem, nicht mehr meines.
11:59 Uhr – Mission erfüllt (mehr oder weniger)
Perfektes Timing. Die Uhr zeigt 12:00, und ich verlasse den Call schneller, als jemand „Currywurst“ sagen kann. Die eigentliche Frage – ob das Problem wirklich gelöst wurde – lasse ich unbeantwortet. Denn ich weiß: Dieser Kompromiss wird in ein paar Wochen wieder auf meinem Tisch landen. Aber das ist ein Problem für „Zukunfts-Ich“.
Jetzt zählt nur eins: Kantine. Currywurst. Pommes. Mayo.
Fazit
- Vage Agenden sind Alltag. Wenn die Agenda „Nächste Schritte“ lautet, weiß niemand, was passieren soll. Bereite dich auf alles vor.
- Sag niemals vorschnell „Ja“. Ein unüberlegtes „Ja“ ist die Eintrittskarte zu unlösbaren Problemen. Überlege, bevor du antwortest – und halte dir immer einen eleganten Ausweg offen.
- Kompromisse sind Gold wert. Du musst nicht jede Aufgabe selbst lösen. Manchmal reicht es, den Ball an die richtige Person weiterzuspielen.
Manchmal ist das Leben wie eine Currywurst: chaotisch, aber irgendwie befriedigend. 😊